Aktuelles

 

Zukunft: Blick hinter den Vorhang der Zeit

"Focus"-Studie: Wie wir morgen leben

Die Versuche, Zukunft zu verstehen und möglichst treffsicher vorher zu sagen, sind so alt wie die Menschheit. Unser Zeitalter zeichnet sich dadurch aus, dass wir zwar auch immer noch wissen möchten (und müssen), welches Gesicht die Zukunft haben wird, aber in Bezug auf Treffsicherheit von Prognosen und Vorhersagen vorsichtiger geworden sind: Zu viele Prognosen aus der Vergangenheit haben sich schlicht als Irrtum erwiesen. Dennoch ist und bleibt die Vorhersage von Zukunft faszinierend und kann auch nicht einfach als Spiökenkram, wie die Hamburger das nennen würden, abgetan werden.

Offenbar kommt es beim Blick hinter den Vorhang der Zeit auf den Ausschnitt, auf den Fokus an, den man wie und mit welchen Mitteln der Vorhersage betrachtet. Die zum Burda-Konzern gehörende Zeitschrift "Focus" hat jetzt ein bemerkenswertes Zukunfts-Handbuch veröffentlicht, dass davon ausgeht, Zukunftsforschung sei zwar generell bescheidener geworden in den Vorhersage-Horizonten, könne aber dennoch basierend auf detaillierter Betrachtung der Ist-Zustände "begründete Szenarien" für die Zukunft entwerfen. In der Studie betrachtete Felder sind u.a.: Politik, Migrationsbewegungen, Energie, Klima, Mobilität, Verkehr, Stadt und Raum, Arbeit und Wirtschaftsprozesse, Gesundheit und Körper, Alltag und Lebensführung, Medien und Kommunikation. Highlights:


Soziale Folgen des Klimawandels

Was nicht mehr weg zu übersehen ist: Der Klimawandel, kräftig mit verursacht durch die industrialisierten Staaten, trifft die ärmeren, weniger entwickelten Länder am Schlimmsten. Ganz allgemein muss davon ausgegangen werden, dass die klimatischen Veränderungen vor allem eines bewirken werden: Eine Zunahme an Gewalt, die sich in einer Spirale zur weltweiten Bedrohung auswächst. Denn: Die Vernichtung von Ackerland und Infrastrukturen durch Dürreperioden, Überschwemmungen und Stürme entzieht nicht etwa den reichen, verursachenden Ländern, die Lebensgrundlage, sondern speziell den armen Ländern. So sieht UN Generalsekretär Ban Ki Moon zum Beispiel den Dauerkrieg im Sudan schon heute als eine Variante eines Klimakrieges und bezeichnet das auch so.

 

Bedrohte Staaten weltweit
Copyright: Focus Magazin Verlag / Quelle: The Fund for Peace (2009)

 

Die Folge werden Konflikte um verknappte Ressourcen sein, die dann die Flüchtlingsströme anschwellen lassen, die in die reichen Staaten des Nordens drängen werden. Die aber werden als Gegenmaßnahme ihre Repressionen gegen solche Eindringliche verschärfen. Und diese verschärften Maßnahmen werden dann wieder für neue Wellen von Terrorismus sorgen, zu deren Abwehr vor allem die Innenminister der reichen Ländern die Lebensbedingungen für ihre eigenen Bürger restriktiv verschlechtern müssen, um durch immer mehr Kontrolle und Einschränkungen letztlich das Überleben der eigenen Bevölkerung sichern zu können. Die Destabilisierung, die von solchen und ähnlichen Bewegungen ausgeht, zeigt die Grafik "Staatenzerfall und Nation-Building".


Planung und Steuerung wuchernder Städte

Früher, als die Welt noch in Ordnung war (und die Weissen das Sagen hatten über all jene, die nicht dazu gehörten -  zur weissen Hautfarbe, zu einem ganz speziellen Werte- und Verhaltens-Kodex, zur christlichen Religion, zur humanistischen Bildung und zur Vorstellung von stabilen monogamen Familien-Verbänden auf der Basis unauflösbarer Zweier-Beziehungen), waren die Hauptstädte der "entwickelten" Länder Leuchtpunkte in einer Welt, die ansonsten überwiegend aus Armut, Dürre und/oder Wüste bestand. Mittlerweile finden sich überall auf dem Erdball schnell aufgeschossene Großstädte, die aber mit dem Charme des alten London oder Delhi oder auch dem kolonialen Singapoor nichts mehr gemein haben. Heute explodieren und erodieren Städte mittlerweile gleichzeitig und werden zu Mega-Cities, in denen sich das Wachstum nur immer noch mehr zu beschleunigen scheint.

Wenn die Erde diese Wucherungen überleben will (und die Menschen auch), braucht es dringend vermehrte Fähigkeiten, Planungs- und Steuerungs-Prozesse für städtische Räume zu entwickeln. Denn das frühe 21. Jahrhundert, so die Focus-Studie, ist charakterisiert durch das Nebeneinander von Planungen für ökoavantgardistische Reißbrett-Städte und dem Versuch, die wuchernden Stadt-Moloche zunächst einmal steuerbar zu machen, damit die steigende Zahl ihrer urbanen Bewohner mit den notwendigen Gütern und Dienstleistungen versorgt werden können.


Migrantenströme und Stadtentwicklungen

Gelingen kann das nur, wenn Städte allgemein zur Selbstorganisation fähig sein werden. Derzeit ist das noch nicht der Fall. Auch problematisch: Je weiter dieses Jahrhundert fortschreitet, umso mehr werden sich trotz aller Migrantenströme die alten gefestigten Stadtgebilde der Industrienationen mit dem Problem schrumpfender Bevölkerungen auseinandersetzen müssen. Insgesamt, so die Focus-Vorhersagen, müssen in den kommenden 25 Jahren um 40 Billionen US-Dollar in städtische Infrastrukturen investiert werden. Und eines ist schon jetzt sicher: Die Städte selber haben dieses Geld nicht und müssen sich auf Kooperationen und Partnerschaften einstellen. Das sichert zwar das Überleben, heisst aber auch: Macht und Gestaltungsfreiheit an andere abgeben.

Auch die Leitbilder für die Infrastruktur-Entwicklung von Städten ändern sich. Das Ideal der "autogerechten Stadt" zum Beispiel ist schon jetzt passé. Zukunft hat das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen, das die "harmonische Stadt" proklamiert. Und was ist das, eine harmonische Stadt? Im Wesentlichen etwas, das erst noch geschaffen werden muss. Denn dazu gehört vor allem die Garantie von sozialem Frieden (wer jetzt zum Beispiel an die Pariser Vorstädte denkt, weiss auch, dass die Städte mit dieser Forderung lange Zeit überfordert sein werden), eine natürliche Umwelt, die entsprechend wert gehalten und geschont wird.

Und: Die Infrastrukturen müssen für alle zugänglich sein, zugleich eine hohe Lebensqualität bieten, und mit den Ressourcen muss schonend umgegangen werden. Vor allem aber, so die Fokus-Ergebnisse, braucht es Klimaneutralität. Auch eine interes-sante neue Perspektive: Eine Stadt, so der Stadtplaner Richard Rogers, wird künftig als Organismus zu verstehen sein, dessen "Stoffwechsel" nach dem Vorbild der Natur in Kreisläufen zu organisieren ist. Bedenkt man die Finanznot der heutigen Stadt-Kämmerer, kann man sich ungefähr vorstellen, welche Quadratur des Kreises da von den Städten verlangt wird, die aufgrund leerer Kassen schon jetzt dabei sind, vom Theater bis zum Jugendtreff den Rotstift anzusetzen.

 

Armutsrisiko
Copyright: Focus Magazin verlag, Quelle: OECD 2009

 

Integration und Zusammenhalt

Tatsächlich kann man sich auf vielen Seiten des neuen Zukunfts-Berichtes erschrecken. Zum Beispiel wenn es um das Thema "Integration und Zusammenhalt" oder auch "soziale Spaltung" geht. Zwar wird in den kommenden Jahren global betrachtet die Armut abnehmen. Zugleich öffnet sich aber, so die Fokus-Ergebnisse, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Die Kluft zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern der Welt wird noch grösser werden, und in den einzelnen Staaten werden sich die Unterschiede innerhalb der Bevölkerungen weiter verstärken. Ergebnis: Ein kleiner Teil der Bürger besitzt einen immer grösseren Anteil am Vermögen, während mittlere und untere Schichten deutlich weniger bis gar kein Vermögen ihr eigenen nennen können.

Was dazu kommt: Die Einkommen stagnieren und können im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten sogar sinken. Die Mittelschicht verschwindet vielerorts sogar ganz und das Armutsrisiko steigt. In Deutschland ist dieser Trend schon jetzt deutlich spürbar, zum Beispiel wenn die Eltern arrivierter Bevölkerungsschichten darum kämpfen, dass ihre Kinder möglichst wenig mit Kindern unterer, also armer Schichten und Einwanderer auf einer Schulbank sitzen müssen (Demonstrationen Hamburger Eltern gegen das dortige Schulsystem). Weltweit sind die arrivierten Gesellschaften zunehmend darauf bedacht, die herandrängenden merkmalsungleichen Habenichtse dieser Erde aus den Gärten ihres finanziellen und intellektuellen Wohlstands fern zu halten.

Wie haltlos solche Bemühungen schon heute sind, führt die Fokus-Studie den Lesern eindringlich vor Augen. Problem: Der alte Kitt (zum Beispiel die christliche Religion), der früher die Gesellschaften der reichen nördlichen Staaten zusammen hielt und definierte, verliert zunehmend seine Kraft, ob die Bürger das nun wollen oder nicht. Was nicht für jeden leicht zu akzeptieren sein wird: Der dringend notwendige Zusammenhalt von Gesellschaften prägt sich zunehmend nicht mehr durch religiöse Zugehörigkeit und das gleiche Wertekorsett aus, sondern durch ökonomische Teilhabe, politische Partizipation und soziale Einbindung. Fällt nur einer dieser drei Faktoren weg, gerät eine Gesellschaft in Turbulenzen, die dann auch die arrivierten Schichten nicht unbeeinflusst lassen werden.


Neue Formen von Miteinander und Gemeinschaft


Was damit auch vor der Ablösung steht: Die etablierten Formen von Familie und Gemeinschaft. Denn: Das soziale Kapital (also jene Ressourcen, die den Zugang zu sozialen Netzwerken sichern), waren bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hinein in traditionellen Familien- und Beziehungsstrukturen gebunden, die sich jetzt aufzulösen beginnen. Damit wird soziales Kapital freigesetzt, und als Folge davon gewinnen Freunde und Bekannte kompensatorisch vor der Familie an Bedeutung: "Freunde haben" ist für Jugendliche schon heute das Wichtigste im Leben. Erst dann kommt die Familie. Menschen pflegen mittlerweile im Schnitt fünf enge Freundschaften und 150 lose Bekanntschaften – Xing, Facebook, Twitter, Handy und Internet machen's möglich.

 

Stellenwert der Religion
Copyright: Focus Magazin Verlag / Quelle: Bertelsmann-Stiftung 2008

 

Eine Folge dieser Entwicklung: Die Zahl der wirklich engen Freundschaften nimmt eher ab als zu. Viele Menschen geraten in eine zunehmende soziale Isolation, gehen sogar ganz ohne persönliche Bindung durchs Leben. Das Beziehungsleben verliert an Stabilität. Zugleich steigt das Bedürfnis nach Hilfe zur Lebensbewältigung. Und damit steigt auf vielfältige Weise das Angebot für Sinnfindungs-Strategien, wie sie bislang von den grossen Religionen geliefert wurden. Als eine Folge der Postmoderne schliessen sich immer mehr Menschen alternativen spirituellen Gemeinschaften an. Auch aus Kombinationen der alten und der neuen Sinnangebote werden persönliche, auf die eigene Wahrnehmung zugeschnittene Weltanschauungen erarbeitet. Damit haben die Orthodoxie und ihre Lehrmeinungen den Primat der Sinngebung endgültig verloren.

Auch wichtig zu wissen: Als Folge dieses medialen und kommunikativen Wandels sind die Menschen des Westens zunehmend damit beschäftigt, die vielen Identitäten, die sie für die immer wieder unterschiedlichen Kontakte besonders in den virtuellen Räumen erfinden und gestalten, zu pflegen und zu differenzieren. Identitätsmanagement, so die Fokus-Ergebnisse, wird deshalb zu einer Kernaufgabe in westlichen Gesellschaften. Aber: Die permanente Selbsterfindung wird zwar als ein bewusster und gewollter Prozess erlebt, andererseits aber auch als Überforderung wahrgenommen.

Identität verliert also in postindustriellen Gesellschaften den Bezug zu Herkunft, Geschlecht, Bildung und Religion. Stattdessen wird Identität prozesshaft erfahren und gestaltet und damit Teil stetiger Neuorientierung, basierend nur noch auf eigener gestalterischer Kraft und Fantasie. Mit "Wahrheit" (als Lebenslauf nachzukontrollieren z.B. in Familie, Ausbildung und Tätigkeit) hat die Eigenwahrnehmung des Einzelnen künftig also immer weniger zu tun. Als Konsumenten werden Menschen damit zwar noch weniger vorhersehbar sein als bisher schon, andererseits aber auch immer differenzierter ansprechbar.

Autoren der Studie sind Klaus Burmeister und Holger Glockner vom Beratungsunternehmen Z_punkt. Das "Handbuch Zukunft 2010", Umfang: 240 Seiten, ist demnächst auch im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-981 0887-55 (Politik-und-Gesellschaft).

 

Bundesregierung: Derzeit nicht wirklich geliebt

Was bedrückt: Arbeitslosigkeit und Sozialleistungen

Die Forschungsgruppe Wahlen, Mannheim, hat im Auftrag des ZDF ein neues "Politbarometer" erstellt. Danach sind die Deutschen mit der Arbeit ihrer Regierung auch weiterhin unzufrieden. Besonders die FDP muss sich von den für diese Studie befragten 1.204 Wahlberechtigten harsche Kritik gefallen lassen. Ihre politische Arbeit wird erneut mit der Note -1,2 bewertet und steht damit der Linken mit -1,5 nur wenig nach. Angela Merkel kann für ihre Arbeit noch immer auf 69,0 Prozent Zustimmung aus der Bevölkerung hoffen. Nur 27,0 Prozent sind der Meinung, sie mache ihre Sache nicht so gut.

Wenn es um Sympathie und Leistung geht, steht aber Karl-Theodor zu Guttenberg noch etwas besser da als die Kanzlerin. Unter den 10 wichtigsten Politikern belegt er Platz 1, gefolgt von Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Wolfgang Schäuble, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel, Horst Seehofer, Guido Westerwelle, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine als Schlusslicht. Was die Menschen im Lande drückt, ist vor allem die Arbeitslosigkeit, gefolgt von den Sorgen um die allgemeine Wirtschaftslage und Sozialleistungen wie zum Beispiel Hartz IV. Interessant: Die Staatsverschuldung interessiert und bedrückt die Menschen dagegen wesentlich weniger: Nur 6,0 Prozent Nennungen.

Befragt nach der wirtschaftlichen Entwicklung, glauben 27 Prozent der Bevölkerung der-zeit, dass es konjunkturell aufwärts gehen wird. 21 Prozent befürchten einen ökonomi-schen Abschwung, und etwas mehr als die Hälfte der Befragten sehen weder positive noch negative Veränderungen. Wenn es um die eigene wirtschaftliche Lage geht, verändert sich das Bild (wie übrigens fast immer in Umfragen zu diesem Thema) deutlich. Dann geben fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) an, es ginge ihnen selber finanziell gut; 39 Prozent sehen ihre Situation als teils gut und teils schlecht. Und nur 12 Prozent geben an, in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen zu leben (Politik-und-Gesellschaft).

 

Sozialismus: Akzeptabel, wenn die Kasse stimmt

Deutsche: Rundum-Versorgung wichtiger als Freiheit

Den Deutschen geht der Sozialismus nicht aus den Knochen. Noch immer kann sich eine Mehrheit der Bevölkerung (80 Prozent der Ostdeutschen und 72 Prozent der Westdeutschen) vorstellen, auch in einem sozialistischen Staat zu leben, solange für ihre Bedürfnisse gesorgt wäre. Wie das Emnid-Institut jetzt ermittelt hat (nachzulesen u.a. in der "Bild"-Zeitung, in "Spiegel Online"), spielt nämlich Freiheit für die Heutigen eine nur noch untergeordnete Rolle, solange sie mit einem sicheren Arbeitsplatz, Solidarität in der Gesellschaft und mit dem kostbaren Gut "Sicherheit" versorgt wären. Nur 28 Prozent der Ostdeutschen und nicht mal die Hälfte der Westdeutschen (42 Prozent) sehen Freiheit als ein wichtiges politisches Ziel an.

Was deshalb nicht weiter überrascht: Gar nicht so wenige Deutsche wünschen sich die Mauer zurück, hüben wie drüben: Für 24 Prozent der Westdeutschen wäre die Zwangstrennung manchmal zumindest wünschenswert, ebenso für 23 Prozent der Ostdeutschen. Das ist fast ein Viertel der Bevölkerung. Und dem Statement "Etwas Besseres könnte gar nicht passieren" stimmen in dieser Hinsicht immer noch 16 Prozent der Westler und 15 Prozent der Ostdeutschen zu. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Alles immer noch nicht gelernt? Das neue Politbarometer aus März 2010 registriert denn auch eine weiter wachsende Politik-Verdrossenheit im Lande: Von 11,0 Prozent im Februar 10 auf 12,0 Prozent im März.

Und die Emnid-Ergebnisse zeigen, dass jeder zwölfte Westdeutsche (aber nur jeder siebte Ostdeutsche!) bei politischen Wahlen seine Stimme auch für 5.000 Euro an eine Partei schlicht verkaufen würde - wobei die politische Richtung keine Rolle spielen würde (Politik-und-Gesellschaft).

 

Gesellschaft im Wandel

Die Rückkehr der Religion

GDI: Hochkonjunktur des Glaubens

Das schweizerische Gottlieb Duttweiler Institut hat jetzt eine Entwicklung dokumentiert, die in der industrialisierten, auf wissenschaftliche Deutungen vertrauende globalisierten Welt vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre: Die Rückkehr der Religion. Lange Zeit hatte man nämlich geglaubt, so der Medienwissenschaftler Prof. Norbert Bolz in der aktuellen GDI-Studie, die europäische Aufklärung mit ihrem wissenschaftlichen Weltbild und ihren grandiosen technischen Errungenschaften habe jede Form von Religion zerstört oder in den Untergrund verbannt. Das Gegenteil davon scheint der Fall zu sein. Bolz: Überall auf der Welt suchen die Menschen wieder nach Heilsversprechen, weil sie sich wieder dem Glauben zuwenden wollen.

Fragt man, auf welcher Basis von Bedürfnis und Erkenntnis sich dieser Wandel vollzogen hat, zeigt sich folgendes Bild: In unserer modernen Welt gibt es kaum noch etwas, was man nicht als "komplex" bezeichnen muss. Das Einfache als etwas, dem man vertrauen kann, ist dagegen fast ganz verschwunden. Anders gesagt: Komplexität hat keinen Gegenbegriff mehr. Als Folge davon wachse, so Prof. Bolz, die Sehnsucht nach der Einfachheit. Und Einfachheit bietet vor allem das Dogma, weil es in der Autorität des Unbezweifelbaren erfahren wird. Dogmen schützen damit durchaus im Kant'schen Sinne vor dem endlosen Kreisen in unbeantwortbaren Fragen des eigenen Intellekts. Und der kann mit seinen Problemerschaffungen bekanntlich genial bis grausam sein.

Religion wird nun genau in dem Augenblick wieder aktuell, in dem die uns umgebenden Lebens- und Erkenntnisformen (Relativismus, Individualismus, gesellschaftliche Ausdifferenzierungen) ein spürbares kulturelles Unbehagen erzeugen. Die Folge daraus heisst: Alles, was ist, könnte auch anders möglich sein. Und gerade deshalb wächst, so die GDI-Studie "Die Rückkehr der Religion", der Absolutheitshunger, die Sehnsucht nach dem unersetzlich Einfachen. Auf dieser Basis bekommt die von der Aufklärung verdrängte Religion als die Form des Gefühls für das Absolute bekommt im Leben der Menschen einen neuen Stellenwert. Und die heute mögliche freie Glaubenswahl des Individuums fällt dann auf die Religion, die ihm die Last der Freiheit und der Individualität von den Schultern nimmt. Bolz: Der immer häufigere Fall des europäischen Gotteskriegers, der zum Islam konvertiert ist, macht dann deutlich, wie sich im Fundamentalismus der moderne Individualismus gegen sich selbst wendet.tl_files/gdi.JPG

Die an bemerkenswert vielen Stellen dieses Globus vorhandene Faszinationskraft des Fanatikers rührt zum einen daher, dass er immun ist gegen Kritik (er kann ja stets die Heilsgewissheit gegen die allgemeine Ungewissheit setzen). Und als Fanatiker erlöst er zugleich von der Komplexität des modernen Lebens, schon weil er die Kraft hat, vieles einfach auszublenden und nicht zu sehen. Zudem besteht das Heilsversprechen des Fundamentalismus darin, dem Gläubigen den Preis der Modernität zu ersparen: Sicherheit und Gewissheit statt Freiheit und Ungewissheit. Bolz: Und da sich alle Selbstmordattentäter in den Dienst des Überlebens einer Idee stellen, wird der Glaube zur Waffe und der Selbstmord die narzisstische Flucht vor der Einsicht in die eigene Bedeutungslosigkeit. Es könne deshalb, so der GDI-Report, keine liberale Antwort geben auf die dringliche Frage: Wie soll man mit Menschen diskutieren, die von der Überlegenheit ihrer Kultur überzeugt sind?

Markenartikel-Hersteller müssen sich in dem umfänglichen Report zum Wiedererstarken der Religion einiges sagen lassen. Zum Beispiel die Marx zuzuordnende Feststellung: Das Geheimnis der Ware und das Geheimnis der Religion sind dasselbe. Medienforscher Bolz sagt es noch genauer wenn er davon ausgeht, dass das Ideal des Marketings die religiöse Ikonenverehrung sei. Denn in der Ikone ist der Gegensatz von Diesseits und Jenseits aufgehoben und die Konsumgütermärkte können damit auch als Schauplätze der Sinnstiftung gesehen werden. Das Ziel ist dann die Verwandlung aller Geschäfte in Kulte, bei deren Vollzug der Kunde vom passiven Konsum zur aktiven Devotion voranschreitet.

Dabei verheissen Bio und Öko das Heil als Akt des Freikaufs: Man kauft sich auf dem Markt von einer Schuld los. Zugleich formiert sich aus dem Umfeld grosser Marken so etwas wie eine Sekten-Gemeinschaft derer, die gleiche Wünsche fühlen und realisieren möchten. Aber: Wünsche haben eine eigene Logik. Man könne, so Prof. Bolz, nie genau sagen, was man sich zutiefst wünscht. Denn Wünsche sind unbewusst - und deshalb unerfüllbar. Und (gute Botschaft für die Marketingwelt) weil sie über die Ratio nicht zu kontrollieren sind, gibt es auch kein Ende des Konsumierens. Bolz: Dass Wünsche unerfüllbar sind, liegt daran, dass sie nur Stellvertreter eines Begehrens sind, das unser ganzes Leben beherrscht: Das Begehren nach Anerkennung nämlich.

Aber: Was immer Marketingbotschaften auch transportieren: Es handelt sich um Riten ohne Gott. Gestärkt wird diese Entwicklung auch dadurch, dass der Gott des Monotheismus als eine abstrakte, schwer nachvollziehbare Konzeption zu rezipieren ist, die dem naiven religiösen Fühlen eher hinderlich ist. Auch damit wird Glauben im christlichen Sinn immer mehr zur Virtuosenleistung. Dagegen seien, so Prof. Bolz weiter, die postmodernen Waren so etwas wie Opium fürs Volk. Denn die Fetische des Konsums sind jetzt nicht mehr nur Vehikel zur Transzendenz, sondern das Heilige selbst. Formelhaft gesagt: Man streicht Gott, um sich umso besser religiöser Gefühle bedienen zu können.

Konsum kann also eine transzendente Erfahrung transportieren. Denn das Konsumentenverhalten trägt gewisse Aspekte des Heiligen zur Schau: Der Konsumismus entfaltet sich als Religionssystem, in dem der "Cargo-Kult" sich Erlösung ganz konkret als Ankunft von Warenladungen vorstellt. Die GDI-Studie "Die Rückkehr der Religion" (Autoren: Norbert Bolz, Esther Girsberger mit David Bosshart, Reiner Anselm und Peter Gross) kann gegen eine Gebühr bestellt werden unter der ISBN 978-3-7184-7042-6 beim Gottlieb Duttweiler Institut, Rüschlikon/Zürich, e-mail-Kontakt: info@gdi.ch (Politik-und-Gesellschaft).

Düsseldorf

Prof. Hans-Georg Pott: Schillers "Jungfrau von Orleans"

Johanna: Kampfmaschine und rituelles Symbol der Nation

Wie sehr man sich in dem täuschen kann, was seit Schulzeiten zum festen eigenen Wissensbestand zählen sollte, das konnten die Teilnehmer einer Vortragsveranstaltung des Goethe-Museums dieser Tage im Düsseldorfer Schloss Jägerhof erfahren. Dort fächerte Dr. Hans-Georg Pott, Professor für Neuere Deutsche Philologie an der Universität Düsseldorf, seinen Zuhören Schillers "Jungfrau von Orleans" in bislang kaum gekannten und erkannten politischen und vor allem nationalstaatlichen Bezügen auf, die manchen Zuhörer glauben lassen mussten, sich mit diesem Werk des Weimarer Dichters noch nie richtig befasst zu haben.

Dem Professor der Heinrich-Heine-Universität gelang das, indem er die "Jungfrau" nicht nur als Werk romantischer Dichtung und damit als Teil deutscher Identitäts-Wahrnehmung lebendig werden liess, sondern deutliche und manchmal erschreckendeBezüge in unsere heutige Zeit kenntlich machte. Pott: Unter dem Einfluss eines Glaubens an himmlische Mächte, die sich unmittelbar, ohne die Vermittlungsinstanz der Kirche, offenbaren (was für den Klerus immer gefährlich ist), mutiert in Schillers Drama eine junge Frau zu einer Kampf- und Tötungsmaschine ("Ein Schlachten war's und keine Schlacht"); die einen Auftrag zu erfüllen hat, der letztlich von einer väterlich-göttlichen, absoluten Autorität ergeht.

Das unterscheide sie, so Pott weiter, nicht von islamistischen Terroristinnen oder SS-Schergen, die ganz "normale Menschen" waren oder sind. Denn inzwischen wisse man..., dass es vor allem der unbedingte Glaube an eine Weltanschauung und/oder eine personale Autorität ist, die aus ganz normalen Menschen Massenmörder machen können. Denn in den Menschen seien nun mal keine verlässlichen Schutzmechanismen gegen Autoritätsgläubigkeit und die Suggestion durch charismatische Gestalten eingebaut. Und nur weil die Ideen Volk und Nation historische Erfolgsmodelle waren, konnte Johanna zum Nationalsymbol werden. Sonst wäre sie als Ketzerin verbrannt.

Statt auf dem Scheiterhaufen zu sterben, wurde sie aber eine Heldin, die das Volk begeistert und gegen die Engländer zu den Waffen ruft. Wichtig dabei ist: Ihr Krieg ist kein dynastischer Krieg mehr, sondern ein "moderner" Volkskrieg, wie es die Revolutionskriege der Franzosen seit 1792 waren und ebenso die Befreiungskriege. Pott in seiner Einleitung: Ich möchte zeigen, dass Schiller genau diese Problematik seiner Zeit um 1800 erkannt und (in dem Drama) gestaltet hat. Es handelt sich, so Pott weiter, um die Erkenntnis, dass aus dem Zusammenbruch der alten Ordnung, des "alten Europa", nur dann eine neue Einheit entstehen kann, eine Einheit, in der das Volk eine maßgebliche Rolle spielt (das aber seine Einheit nicht 'sehen' kann), wenn es Ritualeund Helden gibt, die diese Einheit verkörpern.

Denn das Volk kann im Aufgang seiner Herrschaft nicht erkennen, dass es sich in 'Repräsentations-Körperschaften' wie politischen Verbänden, Parteien etc. vertreten lassen kann und muss. Und auch heute noch interessiert sich das Volk mehr für Politikerköpfe als für Parteiprogramme. Johanna von Orleans erfüllt genau diese Funktion: Sie repräsentiert die Macht des Volkes und will es unmittelbar, also nicht über Klerus und Adel, mit dem König kurz schliessen. Besonders Schillers Eingangsverse im Drama um die "Jungfrau" lassen sich, so Pott, leicht in die Gegenwart des Dichters übersetzen: Man müsse nur die Franzosen durch Deutsche und die Engländer durch Franzosen ersetzen: Napoleon, 1799 zum 1. Konsul ernannt, "hatte sein sieghaft Banner schon in deutsche Lande aufgepflanzt", und nicht wenige jenseits des Rheins wünschten sich insgeheim einen Diktator von seiner Kraft und Entschlossenheit, der dann auch in deutschen Landen alles richten würde.

Das Schloß Jägerhof, in dessen ehrwürdigen Mauern Prof. Pott den globalisierten Düsseldorfern des 21. Jahrhunderts die Zeiten der französischen Revolution wieder aufleben liess, war übrigens 1796 von den Revolutionstruppen geplündert und unbewohnbar gemacht worden, um erst 1811 anlässlich des Besuches Napoleons in Düsseldorf wieder hergerichtet zu werden. Auf dem gleichen Boden also, auf dem auch schon Napoleon gestanden hat, fragt Hans-Georg Pott fast 200 Jahre später, was denn überhaupt eine Nation sei? Und diese Frage sei wichtig, denn es gehe in Schillers Werk um nichts anderes als um die Idee der Republik, geboren mit der Französischen Revolution und seitdem nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

In der "Jungfrau" sollte dieser Idee eine präsentable Gestalt gegeben werden, die in sozialen Praktiken des Ritus und Kultus gefeiert werden kann. Im Übrigen, so Prof. Pott, werde erst Richard Wagner die Notwendigkeit der Erzeugung von Interaktions-Ritualen und Institutionen vollenden, in dem er das Kunstwerk, die Oper, zur Kultfeier selbst macht und die Kultstätte gleich mit schafft: Bayreuth, bis heute Pilgerstätte der besonderen Art. Dennoch lasse sich die Frage, so Pott am Schlus seines Vortrags, wer Johanna von Orleans wirklich war, im Letzten nicht beantworten. Rational gesehen war sie eine im naturmagischen Denken gebundene junge Frau, die Visionen hatte und eine charismatische Heerführerin wurde.

Das sei zwar schon rätselhaft genug, beleuchte aber zudem, dass das "Volk" bis heute naturmagischem Denken verhaftet ist - einem Glauben, der enorme kollektive

Energien mobilisieren kann. Und als solche eigne sich diese Jungfrau dann für die Produktion von Gründungsmythen (wie sie zu ihrer Zeit in Frankreich dringend gebraucht wurden), als "Märtyrerin für ihr Vaterland", dessen Blut für uns vergossen wurde. Johanna stirbt, wer wüsste es nicht, mit der Fahne in der Hand ("Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!"). Im Tode verlischt ihre Individualität, sie ist zum Kollektiv-Körper geworden und aufersteht als Denkmal, welches das Volk zur Einheit einer Nation verfügt.

Wer sich an einem weiteren Aufsatz von Prof. Hans-Georg Pott erfreuen möchte, findet auf seiner Website http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/pott/index.html u.a. u.a. zum Beispiel die Schrift "Globalisierung und regionale Identität", in der sich Pott mit Fragen der Globalisierung und der Heimat als Medienereignis beschäftigt (Politik-und-Gesellschaft).

"Europa, ach Europa": Wie die EU-Bürger sich für Wahlen rüsten

Nielsen-Hamburg: 80.000 Nachrichten in Blogs und Foren analysiert

Anstehende Wahlen (Europawahl, Kommunal- und Landtagswahlen, Bundestagswahlen) werfen ihre Schatten voraus: Denn Wählen heisst mittlerweile ganz offensichtlich, sich vorher zu informieren, mit anderen auszutauschen und damit die eigene Meinung zu konkretisieren und/oder zu festigen. Von Nielsen Hamburg kommen jetzt aktuelle Informationen dazu, wie sich zum Beispiel Internet-Nutzer auf die anstehenden Wahlen vorbereiten, sich auf Blogs und Foren austauschen und sich dort ausgiebig über die Parteien und ihre Wahlprogramme informieren.

Methodisches: Mit BuzzMetrics, dem Analyseprogramm für CGM (Consumer Generated Media) von Nielsen, wurden jetzt über 80.000 Nachrichten zu politischen Parteien ermittelt, die von mehr als 7.000 Usern im Netz in über 2.000 Blogs und Foren geschrieben wurden. Erfasst wurden Beiträge zu CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis90/Die Grünen, die Linke und der NPD. Zu den CGM mit den meisten Beiträgen gehörten die Foren von spiegel.de (über 16.000 Beiträge) und politik.de (rund 11.000 Nachrichten), gefolgt von politikforen.net auf Platz drei der Top-Foren (rund 5.500 Beiträge).

Die Betrachtung der Online-Beiträge zu den Parteien zeigt, dass das Nachrichtenaufkommen vor wichtigen Wahlen oder politischen Entscheidungen wesentlich anwächst. So sorgte beispielsweise die hessische Landtagswahl für einen drastischen Zuwachs an Beiträgen. Allein am Wahltag verfassten Internetnutzer knapp 1.500 Beiträge. Ende März schlug das Nachrichtenvolumen zur NPD aus, als deren Parteivorsitzender Voigt wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, und Mitte April stiegen die Nachrichtenzahlen rund um die SPD in die Höhe, die mit der Einführung eines Lohnsteuerbonus in den Wahlkampf startete.

Angela Merkel kam verstärkt ins Gespräch, nachdem sie einen TV-Auftritt beim ARD-Talk mit Anne Will absolvierte. Eine Auswertung der aktuellen Stimmung zu den Parteien ergab zudem, dass von den Internetnutzern sowohl über die CDU als auch über die SPD eher negativ berichtet wird. Im April bekundeten 37% der User ihre Ablehnung gegenüber der SPD und nur 10% verfassten positive Beiträge, knapp über die Hälfte der Kommentare waren wertfrei. Ähnliche Ergebnisse erzielte die CDU. Hier lag die Verteilung bei 11% positiven und 38% negativen Nachrichten, knapp 50% äußerten keine Meinung zu der Partei. Die bisherige Analyse der Nielsen-Forscher zeigt den Stellenwert, den die Auseinandersetzung mit politischen Themen im Netz für die anstehenden Wahlen hat.

Nielsen plant, die Daten und Ergebnisse zum Informationsverhalten vor und bei Wahlen regelmäßig zu aktualisieren und zu veröffentlichen.(Politik-und-Gesellschaft).

Zukunftsfragen

Was die Bürger vom Staat wollen
Deutsche: Verlangen ein gutes Auskommen in allen Lebenslagen


Das ehemalige BAT-Freizeitforschungs-Institut, Hamburg, jetzt umgewandelt in die "Stiftung für Zukunftsfragen" (geleitet von Prof. Horst Opaschowski), hat Ergebnisse einer Zukunftsstudie veröffentlicht, für die repräsentativ 2.000 Personen ab 14 Jahren bundesweit zur Zukunft der sozialen Sicherung in Deutschland befragt wurden. Wer politisch nicht gerade für den Sozialismus eintritt, für den sind die Ergebnisse teilweise stark gewöhnungsbedürftig:

Die Deutschen vermissen in der Politik die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. 86 Prozent der Bundesbürger haben derzeit erhebliche Zweifel, dass „die Renten auch in Zukunft gesichert sind“. 85 Prozent der Bevölkerung erwarten daher von einem Sozialstaat, dass man auch bei „Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter ein gutes Auskommen“ hat, ohne Not leiden zu müssen. Nach Ansicht der Bevölkerung fehlen jedoch bisher „mittel- und langfristige Lösungsansätze“ (87%), die weit über Legislaturperioden hinausreichen und auch künftigen Generationen ein angemessenes Versorgungsniveau garantieren.

Der Staat solle daher zur Absicherung der individuellen Lebensrisiken und zur Vermeidung von Altersarmut allen Bürgern das zum Leben Notwendige ermöglichen. Empfohlen wird als Langfrist-Modell die Einführung eines minimalen Existenzgeldes („Minimex“) für alle, das rechtsstaatliche Prinzipien wie Fürsorge, Grundversorgung und soziale Gerechtigkeit sicherstellt. Andernfalls gehen fast zwei Drittel der Bevölkerung (61%) davon aus, dass in naher Zukunft der „soziale Frieden gefährdet“ ist.

Dazu Professor Opaschowski: Die Sicherung des Lebensstandards ist die existentielle Sorge der Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Immer mehr Menschen müssen mit Wohlstandsverlusten und sinkenden Nettoeinkommen rechnen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist inzwischen auch für breite Mittelschichten mehrheitsfähig geworden. Nur noch für eine Minderheit der Deutschen (40%) sei die eigene Erwerbstätigkeit die wichtigste Unterhaltsquelle. Die übrigen 60 Prozent bekommen Sozial- und Arbeitslosenhilfe, beziehen Rente oder werden von der eigenen Familie und ihren Angehörigen unterstützt.

Opaschowski: Eine 40-zu-60-Gesellschaft, in der vier Beschäftigte sechs Nichterwerbstätige finanzieren, ist in Deutschland Wirklichkeit geworden. Die existentielle Frage ‚Wovon sollen wir in Zukunft leben?’ ist offener denn je. Und über das Minimum des Lebens und der Menschenwürde muss frühzeitig nachgedacht werden, bevor die geburtenstarken Jahrgänge massenhaft Rentner werden. Problem: Wenn die Babyboomer-Generation um 2030 in Rente geht oder Jahre später das Pflegealter erreicht, zeichnet sich ein Funktionsverlust oder gar Kollaps der Sozialsysteme als Risiko ab. Sollte die Politik keinen Mut zu langfristigen Lösungen beweisen, dann ist in der alternden Gesellschaft die Finanzierung der Sozialsysteme in Frage gestellt und Existenzängste schleichen sich zunehmend in den Lebensalltag der Menschen ein.

Fast jeder dritte Bundesbürger (29%) hat heute schon Angst, im Alter in der Sozialhilfe zu landen. Die größten Zukunftsängste (41%) äußert in dieser Hinsicht die mittlere Generation der 30- bis 49-Jährigen, die befürchtet, im Alter zum Sozialfall zu werden, weil dann ihre Beitragszahlungen längst ausgegeben sind. Diese sogenannte Sandwich-Generation arbeitet für andere und investiert für andere – für ihre Kinder und ihre Eltern. Sie befürchtet, im Alter nicht mehr die gleichen Hilfeleistungen von der nachfolgenden Generation erwarten zu können. Der Rückgang der offiziellen Arbeitslosenzahlen täusche, so die BAT-Ergebnisse, darüber hinweg, dass es immer weniger feste Arbeits- verhältnisse gibt und die Zahl der Zeitarbeiter wächst. Über zwei Millionen Erwerbstätige sind heute Mehrfachbeschäftigte mit Zweit- oder Drittjobs, die ihren sozialversicherungspflichtigen Hauptberuf mit einem oder mehreren Minijobs kombinieren. Darüber hinaus gibt es unter den Vollzeitbeschäftigten über eine Million Niedriglöhner, die zusätzlich auf Arbeitslosengeld II-Zahlungen angewiesen sind: Sie leben ‚unter’ ihren Verhältnissen.

Das minimale Existenz-Geld

Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung, so Prof. Opaschowski, spreche sich für eine staatlich garantierte Existenzsicherung aus. Fast zwei Drittel der Bundesbürger (61%) verbinden damit die Hoffnung, dass ein minimales Existenzgeld allen „ein Leben in Würde ermöglicht und persönlich erniedrigende Kontrollen verhindert.“ Andernfalls ist die Grundgeborgenheit großer Teile der Bevölkerung gefährdet, wenn der Sozialstaat die Frage eines Rechts auf Grundversorgung unbeantwortet lässt und die Politik keine nachhaltigen Entscheidungen über einen grundlegenden Umbau der nicht mehr zukunftsfähigen Sozialsysteme für Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter und Pflege fällt. Die Finanzierung der sozialen Sicherung muss auf eine tragfähige breite Basis gestellt werden. Dazu gehören nach Empfehlung der OECD auch Überlegungen zur Steuerfinanzierung der Sozialsysteme, um die Arbeitseinkommen zu entlasten.

Um allen Bürgern eine angstfreie Zukunft zu ermöglichen, müsse die Sozialpolitik nach Ansicht der Bevölkerung ein Existenzminimum langfristig garantieren können, ohne deshalb die Bürger aus ihrer Eigenverantwortung und Eigenvorsorge zu entlassen, also durch eigene Arbeit und Leistung für ein auskömmliches Leben selbst zu sorgen. In diese Richtung zielen derzeit über Parteigrenzen hinweg unterschiedliche gesellschaftspolitische Lösungsansätze: Nach Ansicht der Bevölkerung umschreibt der Begriff „Existenzgeld“ das Anliegen treffender als „Grundeinkommen“, „Sozialeinkommen“, „Grundrente“ oder „Bürgergeld“. Mit höherer Schulbildung nimmt die Akzeptanz des Begriffs „Existenzgeld“ weiter zu.

Zwei Drittel der Bevölkerung (66%) sehen im Anspruch auf ein minimales Existenzgeld (Minimex) Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit verwirklicht, die insbesondere den Jugendlichen, die nach der Schule keinen Ausbildungsplatz erhalten, Armut und Diskriminierung ersparen. So können Jugendliche auch ohne Gesichtsverlust Zeitarbeiten übernehmen und ihrem Leben Struktur und Inhalt geben. Eine Generation von Überflüssigen kann sich eine Zukunftsgesellschaft nicht leisten. Opaschowski: Nur auf den ersten Blick mag das von der Bevölkerung favorisierte Minimex-Modell, das allen Bürgern ein minimales Existenzgeld gewährt, wie eine Art gesetzliche Nächstenliebe erscheinen. In Wirklichkeit ist es nichts anderes als ein staatliches Sicherheitsversprechen, das sich auf das Notwendigste beschränkt und allen Bürgern durch materielle Sicherheitsgarantien ein Leben in Freiheit und Menschenwürde ermöglicht, also den Sturz ins Brot- und Bodenlose abwendet.“

Was die Studienergebnisse auch zeigen: Die Deutschen sind offenbar der Meinung, dass es an der Zeit sei, die Weichen für die Zukunft neu zu stellen und spätestens nach der Bundestagswahl 2009 die große Reform der Sozialsysteme in Angriff zu nehmen. Die Argumente überzeugen: Das Langfrist-Modell „Minimex“ ist praktikabel, finanzierbar und sozial. Erhebliche Verwaltungskosten können im staatlichen Sozialbudget eingespart werden, da nach mehrheitlicher Meinung der Bevölkerung (59%) ein großer Teil der Kosten für die Kontrolle von Sozialleistungen (Arbeitslosen-, Sozialhilfe, Kindergeld u.a.) entfallen. Opaschowski: Hinter jedem ‚Fördertopf’ steht eine staatliche Verwaltung und Kontrollinstanz. Mit der Zahlung eines einheitlichen Existenzgeldes könnte eine Vielzahl von Beamten eingespart werden.

580 Euro im Monat – Das Existenzminimum aus der Sicht der Bürger

Wie schätzt die Bevölkerung selbst die Höhe und den Wert eines minimalen Existenzgeldes ein? Die Antworten der Deutschen beweisen Realitätssinn: Das Meinungsspektrum über ein minimales Existenzgeld-Niveau bewegt sich von 350 bis zu 580 Euro im Monat, also einem Mindestlebensstandard zwischen der Beseitigung von Hilfsbedürftigkeit und dem Sozialhilfebedarf eines Alleinstehenden. Der „Einkommens“-Idee wird in der Bevölkerung eine Absage erteilt. Die Bundesbürger plädieren mehr für ein Minimum auf moderatem Niveau. Die Bürger machen der Sozialpolitik das Handeln in der Zukunft leicht. Sie melden keine Ansprüche im Übermaß an und geben sich mit einer Mindestsicherung zufrieden.

Bemerkenswert: Fast jeder fünfte Bundesbürger sieht sich außerstande, die Frage, wie hoch das monatliche Existenzgeld eigentlich sein sollte, konkret zu beantworten. Zu neu ist der Sachverhalt, zu gering der Kenntnisstand und auch die Phantasie, sich vorstellen zu können, ein Leben lang Anspruch auf ein staatlich garantiertes Existenzgeld zu haben. Auch aus sozialpolitischen Gründen bietet sich eine Monatszahlung von 580 Euro pro Person an: Die durchschnittlichen Sozialkosten pro Einwohner und Monat liegen heute schon in Deutschland bei 580 Euro. Auch der durchschnittliche Sozialhilfebedarf eines Alleinstehenden liegt bei etwa 580 Euro. Die Bevölkerung hält an dem Gerechtigkeitsprinzip fest. Zwei Drittel der Bevölkerung (65%) vertreten die Auffassung: „Wenn das Einkommen durch Erwerbsarbeit einen bestimmten Grenzwert überschreitet (z.B. das Dreifache des Existenzgeldes), soll der Anspruch auf Existenzgeld entfallen.“

Wer so viel hinzuverdient, muss auch existentiell nicht mehr abgesichert werden. Das Votum der Bevölkerung richtet sich eindeutig gegen die Anhänger eines „bedingungslosen Grundeinkommens“, für dessen Erhalt es keinerlei Bedingungen gibt und auch Spitzenverdiener das Grundeinkommen beziehen sollen – ob sie es brauchen oder nicht. Nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung widerspricht eine solche Option den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit.

Bei der Umsetzung des Minimex-Modells geht der Autor Opaschowski von zwei Grundsätzen aus: Das Existenzgeld solle so niedrig wie nötig und der Zuverdienst so hoch wie möglich sein. Empfohlen wird eine parteienübergreifende Politik der kleinen Schritte, die weit über das Legislaturdenken hinausreicht. Idee: Minimex sollte schrittweise realisiert werden. Vorstellbar ist ein langfristig angelegter Zeit- und Stufenplan: Im Jahr 2010 für alle Neugeborenen. Im Jahr 2020 für alle Kinder- und Elterngeldbezieher. Im Jahr 2030 für alle ALG-II-Empfänger. Erst nach 2030 kann die Zahlung eines minimalen Existenzgeldes - unter Wahrung der Bestands- und Anspruchsrechte – auf alle Rentenversicherten übertragen werden. Damit sind auch die Einwände von Experten entbehrlich, die einen Systemwechsel zu einer steuerfinanzierten Grundrente deshalb ablehnen, weil durch individuelle Vorleistungen bestimmte Rentenansprüche erworben wurden.

Dieses Problem stellt sich nicht, wenn von vornherein flexible Übergangsfristen und Übergangsregelungen eingeplant werden. Je nach politischem Willen dauert die Übergangsphase dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre, was auch diesem Anliegen gerecht wird: Es wird, wenn es wird, eine Jahrhundertreform sein. Andernfalls gehen die Deutschen einer sorgenvollen Zukunft entgegen. Die Frage „Was passiert, wenn nichts passiert?“ beantwortet jeder zweite Bundesbürger (50%) mit dem Hinweis auf die drohende Armut. Das Armutsrisiko wird sogar höher eingeschätzt als mögliche Gefahren des Terrorismus (44%) oder durch Umweltbelastung verursachte Probleme (47%). Und die Angst vor einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich („Zweiklassengesellschaft“) wiegt schwerer (41%) als der Geburtenrückgang (23%) oder die Bildungskrise (22%). Die Folge: Fast zwei Drittel der Bevölkerung (61%) befürchten die Ausbreitung von Kriminalität und Gewalt in Deutschland – „wenn es keinen Anspruch auf staatliche Fürsorge und Sozialleistungen gibt.“ Die Grundgeborgenheit großer Teile der Bevölkerung ist ohne soziale Grundsicherung nicht mehr gewährleistet.

Leistungslust und Lebenslust

Mit der Sicherung des Existenzminimums ist keine Beeinträchtigung der Lust an Arbeit und Leistung verbunden. Ganz im Gegenteil: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (84%) vertritt die Auffassung: Wer sich mehr als die anderen leisten will, „muss auch mehr leisten“. Erst die individuellen Leistungsvergleiche schaffen besondere Erfolgserlebnisse im Leben. Niemand muss, wenn die Grundversorgung gesichert ist, „auf der Strecke bleiben“ bzw. „abgehängt“ werden. Wer aber in Zukunft besser leben will, kann auf Leistung nicht verzichten.

Das Konsumbarometer wird zum Leistungsbarometer. Ausnahmen bestätigen die Regel: Auch in der Leistungsgesellschaft der Zukunft wird es wie bisher einige Leistungsverweigerer (16%) geben, die sich dafür aber auch im Leben einschränken müssen. Opaschowski: Das war und ist schon immer so. Ein neues Sozialsystem kann keinen neuen Menschen hervorbringen. Wie in der gesamten Menschheitsgeschichte wird es auch in Zukunft Menschen geben, die sich im Leben weniger als andere anstrengen wollen. Das werden etwa 16 von 100 Bundesbürgern sein, die sich mehr phlegmatisch als ehrgeizig geben. Alle anderen aber wollen im Leben lieber Maximierer und Optimierer sein. Statt: Du musst etwas leisten, heißt es für sie eher: Ich will mir etwas leisten.

Modelle einer sozialen Gesellschaft

Die Bürger wünschen sich, so die Studienergebnisse der BAT, ein Ende der drohenden sozialen Verunsicherung und eine Neubestimmung der sozialen Gerechtigkeit. Bei den Zukunftswünschen der Deutschen steht durchaus überraschend die soziale Gerechtigkeit an erster Stelle – bei den Westdeutschen (75%) genauso wie bei den Ostdeutschen (74%). In dieser Frage sind kaum Unterschiede zwischen einzelnen Berufs-, Sozial- und Altersgruppen feststellbar. Die Bevölkerung meldet hier dringenden politischen Handlungsbedarf und für die Zukunft demografiefeste Lösungen zur Sicherung der sozialen Systeme an.

Opaschowski: Die Bevölkerung wünscht sich von der Politik mutige Schritte mit Weitsicht, eine Mischung aus Vision und Verantwortung. Damit die historische Chance nicht vertan wird, muss das Denken in Legislaturperioden aufgegeben werden. Die Politik hat im Interesse kommender Generationen die Pflicht zu nachhaltigen und generationengerechten Entscheidungen, zu konkreten Antworten darauf, was in dreißig Jahren sein wird oder sein soll – von der Finanzierung der Renten bis zur Deckung steigender Pflegekosten. Mit Minimex, dem Langfrist-Modell des Jahres 2030, könne, so Opaschowski, eine Zukunftsoption Wirklichkeit werden, die allen Bürgern eine Mindestversorgung garantiert und zugleich Eigenvorsorge ermöglicht. Niemand muss mittellos bleiben. Wer mehr als das Existenzminimum haben will, muss dafür arbeiten (Politik-und-Gesellschaft).

Europa-Akzeptanz: Optimismus und wachsendes Vertrauen

Deutsche: Sehen ihr Land als

Die EU, seit Jahren darum bemüht, bei den Bürgern in Europa ein besseres Image zu bekommen, scheint ihre Vertrauenskrise überwunden zu haben, so aktuelle Ergebnisse des neuen Eurobarometer-Berichts (Juli 07) für Deutschland. Demzufolge ist bei fast allen Themenfeldern ein positiver Trend zu erkennen. Auch liegt Deutschland dabei zum Teil über dem europäischen Durchschnitt: Das Image und die Zukunftsaussichten der EU sowie die Rolle Deutschlands erreichen in der BRD seit Langem wieder positive Werte. Aber: Zwischen Ost- und Westdeutschland bleiben die gravierenden Meinungsunterschiede bestehen.

Dazu Dr. Gerhard Sabathil, Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland: Der generelle Vertrauenszuwachs sei ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Europa wieder eine wichtige Rolle bei den Menschen in Deutschland einnehme. Und: Auch die erfolgreiche deutsche EU-Ratspräsidentschaft habe dazu beigetragen, Europa den Bürgern nahe zu bringen. Den positiven Trend sieht Batathil zudem als Bestätigung für die Kommunikations-Anstrengungen der EU. Dabei sei der Dialog mit den Bürgern von grosser Bedeutung. Den Unterschied in der Einstellung von Ost- und Westdeutschland, so Dr. Sabathil weiter, müsse man nach aber wie vor ernst nehmen.

Mehr Zustimmung zur europäischen Verfassung

Fragt man die Deutschen nach ihrem Wissenstand bezüglich der EU, zeigt sich folgendes Bild: Von der Ratspräsidentschaft hatte 74 Prozent der Bundesbürger gehört, 30 Prozent hielten den Deutschen Vorsitz für sehr wichtig; 46 Prozent für wichtig. Eine europäische Verfassung wünschen sich 78 Prozent (+ 5,0 %) der Befragten. Die grosse Mehrheit der Deutschen (84 Prozent, + 7,0 %) spricht sich für eine gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik der EU-Länder aus. Drei Viertel der Befragten unterstützen einen Europäischen Aussenminister (75 Prozent, + 3,0 %). 99 Prozent der Befragten kennen die EU-Flagge, 85 Prozent halten sie auch für ein wichtiges europäisches Symbol. Damit bewegen sich die Deutschen bei all diesen Fragen mit Kenntnisstand und Zustimmung über dem europäischen Durchschnitt.

Gemeinsame Klimapolitik

Auch eine gemeinsame europäische Klimapolitik wurde durch die Bemühungen der deutschen EU-Rab>tspräsidentschaft forciert. 91 Prozent der Deutschen finden, dass der ein politisches Handeln von der EU erfordert. Dieser Wert liegt leicht über dem EU-Durchschnitt von 88 Prozent.

Wahrnehmung, Image und persönliche Bedeutung der EU

Die Wahrnehmung der EU in den Köpfen ihrer Bürger zeigt im neuen Bericht einige Veränderungen: So wird die EU der Reihenfolge nach von Deutschen als "demokratisch" (72 Prozent, + 2,0 %) wahrgenommen, als "modern" (65 Prozent, + 5,0 %) und als "beschützend" (59 Prozent, + 10 %). Allerdings geben 58 Prozent der Befragten an, die EU sei "technokratisch", 45 Prozent bezeichnen sie sogar als "ineffizient". Für 65 Prozent (+ 7,0 %) der Deutschen ist die EU-Mitgliedschaft ihres Landes eine gute Sache. 54 Prozent (+ 17,0 %) glauben, dass Deutschland in Zukunft an Einfluss gewinnen werde. Das die eigene Stimme in der EU zähle, glauben 86 Prozent (+ 2,0 %) der Befragten.

Das Ansehen der EU ist in Deutschland seit der vorherigen Befragung im Herbst 2006 gestiegen: Plus 10,0 Prozent. 79 Prozent der Deutschen billigen dem Europäischen Parlament eine wichtige Rolle zu. Auch die Europäische Kommission wird für Deutsche (70 Prozent, + 4,0 %) immer wichtiger. 93 Prozent der Deutschen kennen das Europäische Parlament. Die Europäische Kommission kennen 82 Prozent (+ 3,0 %). Vom Rat der Europäischen Union haben immerhin schon 72 Prozent der Deutschen gehört.

Aber: Eine erschütternde Zahl zeigt sich, wenn es um die Glaubwürdigkeit des Europäischen Parlamentes geht. Ihm trauen nur 58 Prozent der Deutschen, also gerade Mal etwas mehr als die Hälfte der Bürger, auch wenn diese Zahl um plus 5,0 Prozent gestiegen ist. Das Vertrauen in die Europäische Kommission steigt ebenfalls leicht an (49 Prozent, + 7,0 Prozent), ist aber letztlich noch immer nicht mal bei der Hälfte der Deutschen vorhanden. Auch beim Europäischen Rat haben die Verantwortlichen Grund in sich zu sehen: Ihm vertrauen gerade Mal 46 Prozent der Deutschen – trotz eines Plus von 7,0 Prozent auch kein wirklich strahlendes Ergebnis.

Einschätzung Deutschlands im Vergleich mit den anderen EU-Staaten

64 Prozent (+ 17,0 %) der Bundesbürger halten die deutsche Volkswirtschaft für leistungsfähiger als die der anderen EU-Staaten. 61 Prozent (+ 1,0 %) der Deutschen glauben zudem, dass trotz aller Reformen und Leistungsbeschränkungen, Deutschland der leistungsfähigste Sozialstaat in der EU sei. Die Kluft zwischen Ost- und Westdeutschen, die sich auch hier wieder zeigt, ist bereits aus früheren Eurobarometer-Ergebnissen bekannt. Der aktuelle positive Trend ist vor allem auf die Befragten in Westdeutschland zurückzuführen. Dass die eigene Stimme in Europa was zählt, glauben in Westdeutschland 45 Prozent (+ 7,0 %). In Ostdeutschland verneinen das 67 Prozent der Befragten (+ 5,0 Prozent). Ein weiterer Unterschied ist bei der Einschätzung der Rolle der EU bei der Gestaltung der Globalisierung zu beobachten: Westdeutsche sehen zu 45 Prozent (+ 10,0 %) positive Effekte bei der Globalisierung, Ostdeutsche nur zu 32 Prozent (+ 7,0 %).

EU und Globalisierung

Der Begriff "Globalisierung" ist für eine Mehrheit der Deutschen inzwischen positiv besetzt: 51 Prozent Zustimmung (+ 14,0 %). Die Europäische Union hilft ihren Bürgern, von der Globalisierung zu profitieren: Das glauben 53 Prozent (+ 7,0 %) der Deutschen. Für die Befragten in der BRD ist der Umweltschutz mit 45 Prozent Nennungen eine wichtige europäische Herausforderung, gefolgt vom Kampf gegen die Kriminalität (37 Prozent), Energie (36 Prozent), Einwanderung (30 Prozent) und soziale Frage (28 Prozent).

Das Frühjahrs-Standard-Eurobarometer (Nr. 67) erfasst 30 Länder: Die 27 EU-Mitgliedsstaaten, die beiden Bewerberländer Kroatien und die Türkei und die türkisch-zypriotische Gemeinschaft, die als Hoheitsgebiet nicht von der Republik Zypern kontrolliert wird. Die Umfrage wurde von der Generaldirektion Kommunikation der EU Kommission in Auftrag gegeben und vom TNS Institut (Taylor Nelson Sofres) Opinion & Social durchgeführt (Politik-und-Gesellschaft).

 

Europäer: Nachbarschafts-Politik erwünscht

Eine von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Umfrage bestätigt, dass ein Großteil der Bürger in den EU-Mitgliedstaaten eine engere Zusammenarbeit mit den EU-Nachbarstaaten befürwortet. So halten die weitaus meisten Befragten die Zusammenarbeit mit den Nachbarn für äußerst wichtig, sowohl bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität und des Terrorismus als auch bei der Umwelt- und Energiepolitik, bei der wirtschaftlichen Entwicklung, in Einwanderungs- und Demokratiefragen und bei der allgemeinen und beruflichen Bildung.

Nach Ansicht der Mehrheit der Europäer kann die EU durch die Unterstützung der Nachbarstaaten zur Schaffung von Frieden und Demokratie über die Grenzen der Union hinaus beitragen und ungefähr die Hälfte der Befragten ist überzeugt, dass die Nachbarländer tatsächlich mit der EU bei der Umsetzung interner Reformprozesse zusammenarbeiten wollen. Hauptergebnisse:

1. Die überwältigende Mehrheit der Befragten hält die Kooperation mit den Nachbarländern für wichtig oder sehr wichtig: bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität und des Terrorismus (89%), beim Umweltschutz und bei Energiefragen (86%), bei der wirtschaftlichen Entwicklung (85 Demokratiefragen (82%), bei der allgemeinen und beruflichen Bildung (81%) und in Einwanderungsfragen (71%).

2. Auch die politischen Aspekte dieser Strategie finden breite Zustimmung: 73% glauben, dass die EU zur Stärkung der Demokratie in diesen Ländern beitragen kann und 67 % vertreten die Auffassung, dass die Unterstützung dieser Länder die Gefahr von Krieg und Konflikten in Europa verringert. 62 % gehen davon aus, dass durch eine enge Zusammenarbeit die illegale Einwanderung eingeschränkt werden kann.

3. Befragt zu Kosten und Nutzen dieser Politik, zeigte sich eine klare Mehrheit der Europäer davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Nachbarstaaten und der EU für beide Seiten vorteilhaft ist, allerdings äußerten 79 % Bedenken wegen der damit verbundenen Kosten. 61 % glauben, dass sich die Unterstützung der Nachbarländer auch positiv auf den Wohlstand in der EU auswirkt und 74 % erwarten, dass sich dadurch für die EU-Unternehmen neue Märkte erschließen. Andererseits befürchten 45 %, dass die Unterstützung von Reformen in den Nachbarländern den Frieden und die Stabilität innerhalb der EU gefährden könnte.

4. Der Bekanntheitsgrad der Europäischen Nachbarschaftspolitik hat im Vergleich zum Vorjahr zugenommen (einer von fünf Befragten hat nun bereits von dieser Politik gehört).

Die Ergebnisse der Eurobarometer-Umfrage basieren auf der Befragung von ca. 27.000 Personen in 27 Mitgliedsstaataen. (Politik-und-Gesellschaft)

 

Leitkultur: Was garantiert den Zusammenhalt einer Gesellschaft?

Deutschland: Jedes dritte Kind unter sechs Jahren mit Zuwanderungsgeschichte

Der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, derzeit auf Dialog-Tour quer durch Deutschland unterwegs, hat Ende August (28.08.07) auch das Daimler-Chrysler-Werk in Stuttgart besucht und hier u.a. mit türkischstämmigen Arbeitnehmern diskutiert und sich dabei auch zum Problem der "Leitkultur" und der Zuwanderungsgeschichte in Deutschland geäussert. Highlights vom Stuttgarter Treffen:

Rund ein Fünftel aller in Deutschland lebenden Menschen sowie jedes dritte Kind unter sechs Jahren, hat, so Profalla, eine Zuwanderungsgeschichte. In einigen Großstädten gelte dies bereits für mehr als 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen und damit seit Deutschland eindeutig ein Integrationsland. Die CDU will nun in ihrem neuen Grundsatzprogramm deutlich darauf hinweisen, dass Integration ein nicht endender Prozess ist. Integration betrifft nicht nur Einwanderer der ersten, sondern eben auch der zweiten und dritten Generation. Eine mögliche Einbürgerung ist nicht der Abschluss, sondern bildet nur eine Wegmarke hin zu einer gelungenen Gesamtintegration.

Die Verantwortung für das Gelingen des Integrationsprozesses, so Pofalla, liege auf beiden Seiten. Dabei besonderse wichtig: Eine Gesellschaft muss den Zuwanderern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Gleichzeitig müssen die Menschen, die in Deutschland leben wollen, auch den Willen zur Integration haben. Dazu gehöre das Beherrschen der deutschen Sprache und die Annahme der Werte und Normen des Grundgesetztes. Dies gilt, so Pofalla weiter, insbesondere für den Grundsatz der Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Diese Leitkultur in Deutschland garantiere, dass die Gesellschaft auch in Zukunft zusammenhält. Ein unverbundenes Nebeneinander, das nur zu Parallelgesellschaften führt, lehne die CDU ab.

Integration liege somit in der Verantwortung des Einzelnen, der Gesellschaft und des Staates. Sie braucht das Zusammenwirken aller - auch die Mithilfe der Unternehmen. Vielfalt im Unternehmen muss angenommen und gelebt werden. Und bezogen auf den Ort der Diskussion wies Pofalla darauf hin, dass Unternehmen wie DaimlerChrysler zu den Erstunterzeichnern der "Charta der Vielfalt" gehören, deren Schirmherrschaft Bundeskanzlerin Angela Merkel übernommen hat. Darin werden Unternehmen aufgefordert, Vielfalt als Geschäftsvorteil zu entdecken. Wenn Belegschaft und Führungskräfte aus Menschen mit unterschiedlicher kultureller Prägungen zusammengesetzt sind, sei dies ein echter Wettbewerbsfaktor (Politik-und-Gesellschaft).

Europäische Union: Migrations- und Asyl-Probleme

Franco Frattini: Harmonisierte Statistiken

Der Rat der Justiz- und Innenminister hat eine Verordnung zu Gemeinschaftsstatistiken über Wanderung und Asyl angenommen. Im Mittelpunkt steht Datenmaterial etwa über internationale Migrationsströme, den Erwerb der Staatsangehörigkeit, Asylanträge und –entscheidungen, Maßnahmen zur Bekämpfung der illegalen Einreise und des illegalen Aufenthalts, die Rückführung illegaler Migranten sowie Aufenthaltsgenehmigungen an Drittstaatsangehörige. EU-Kommissionsvizepräsident Franco Frattini, zuständig für Justiz, Freiheit und Sicherheit, begrüßte das Ergebnis. Diese Verordnung sei ein wichtiger Schritt für ein besseres Verständnis der Einwanderungsproblematik in der Europäischen Union. Harmonisierte Statistiken könnten unter anderem auch als Grundlage für die Verteilung von Ressourcen des neuen Programms "Solidarität und Steuerung der Migrationsströme" auf die einzelnen Mitgliedstaaten herangezogen werden.

Mit der Verordnung, so der Rat, werde die Erhebung harmonisierter statistischer Daten angestrebt, denen gemeinsame Definitionen zugrunde liegen, die sich auf bestehende und künftige EU Maßnahmen in den Bereichen Einwanderung, Grenzschutz und Asyl sowie auf anerkannte internationale Standards (insbesondere auf die Empfehlungen der Vereinten Nationen zu Wanderungsstatistiken) stützen. Viele Mitgliedstaaten können keine genauen und zuverlässigen Statistiken in einigen Bereichen vorzulegen. Deshalb sieht die Verordnung vor, dass wissenschaftlich fundierte Schätzwerte in den Fällen, in denen direkt erhobene Daten nicht verfügbar sind, vorgelegt werden dürfen. Da die Mitgliedstaaten die erforderlichen Änderungen an den Datenerhebungssystemen noch vornehmen müssen, dürfen sie gemäß dem Verordnungsvorschlag im ersten Jahr nach Inkrafttreten Daten entsprechend ihren nationalen Definitionen vorlegen (Politik-und-Gesellschaft).

Zuma: Gerechtigkeitsvorstellungen in der BRD

Deutsche: Ausgeprägte Wohlfahrtsansprüche

Was aus vielen politischen Debatten der jüngsten Zeit schon zu vermuten war, hat die ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen e.V., Mannheim jetzt in einer Studie zum Thema "Einstellungen zum Sozialstaat" (Absicherung und Eigenvorsorge) im Auftrag des BMGS (BMAS, BMG) untersucht. Daran federführend beteiligt: Prof. Wolfgang Glatzer und Prof. Alfons Schmid. Umfang: Vier repräsentative telefonische Bevölkerungsumfragen mit jeweils mindestens 5000 Personen ab 18 Jahren.

Ausgangslage: Die wirtschaftliche und demografische Entwicklung in Deutschland bringt den Sozialstaat seit den 90er Jahren in immer stärkere Bedrängnis. Zudem gerät die staatliche Absicherung in Verdacht, über eine Bevormundung der Bürger eine Abhängigkeitsmentalität zu erzeugen. Was die von der ZUMA durchgeführte Studie auch klären sollte: Welches Modell sozialstaatlicher Absicherung wünschen sich die Deutschen eigentlich? Highlights aus den Ergebnissen:

Die Teilprivatisierung von sozialen Risiken, so die ZUMA, gebe Anlass zu der Vermutung, dass der sozialstaatliche Konsens in Deutschland brüchig wird. Hauptgrund: Unterschiedliche sozio-ökonomische Voraussetzungen der einzelnen Bürger und damit eine Ungleichheit, durch die Möglichkeiten zur Übernahme von Eigenverantwortung begrenzt werden. Problem: Den Deutschen wird die Wirklichkeit des Marktes immer unangenehmer und eine egalitäre Verteilungsgerechtigkeit immer wichtiger. Dies zeigt sich z.B. besonders deutlich, wenn es um den Umbau der sozialen Sicherungssysteme geht.

Beispiele: Die Deutschen wünschen sich mehrheitlich vom Staat eine Arbeitsplatzgarantie ("Der Staat sollte für alle, die arbeiten wollen, einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen"). Und wenn es um Umverteilung geht: Das Wichtigste sei, so äussert sich eine Mehrheit der Befragten in der ZUMA-Studie, dass die Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen, auch wenn das Umverteilung erfordert (80 Prozent Nennungen). Das heisst auch: Die Deutschen sind überwiegend der Meinung, dass erst eine Intervention des Staates und Verteilungsprinzipien des Bedarfs oder der Gleichheit zu einer gerechten Verteilung des Reichtums führen.

So sind denn weitere 80 Prozent der Bundesbürger auch der Meinung, dass die soziale Gerechtigkeit in jüngster Zeit weniger geworden sei. Sie erleben die Einkommensunterschiede im Lande als zu gross. Der Vorstellung, dass ein Anreiz zur Leistung nur dann bestehe, wenn die Unterschiede in den Einkommen hinreichend gross ausfallen, stimmt nur etwa die Hälfte der Deutschen zu. Dabei sind die Erwartungen an den vorsorgenden und versorgenden Staat im Osten Deutschlands deutlich grösser als im Westen.

Damit sehnt sich eine Mehrzahl der Deutschen nach dem Sozialstaat als Instrument umfassender Absicherung gegen die Risiken des Lebens und ist zudem ganz offensichtlich der Auffassung, dass die jetzige sozialstaatliche Praxis diesem Wunsch nur teilweise und nicht ausreichend nachkomme. Damit findet die Idee grösserer Eigenverantwortung der Bürger bei der Vorsorge für ihr eigenes Leben nur dann Zustimmung, wenn damit keine finanziellen Belastungen verbunden sind. Gleichzeitig werden die hohen Wohlfahrtsansprüche aufrecht erhalten und die Befriedigung dieser Ansprüche vom Staat erwartet.

Der Bericht "Bürger wollen auch in Zukunft weitreichende soziale Sicherung" ist erschienen in der ZUMA-Publikation "Informationsdienst Soziale Indikatoren", Ausgabe 36. Online-Kontakt: http://www.gesis.org/sozialindikatoren (wahl-und-forschung.de).

 

Deutschland: Sinkender Zuzug von Ausländern

Wanderungsbewegung: Immer weniger Spätaussiedler

Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, sind 2005 nach vorläufigen Ergebnissen 707 000 Personen nach Deutschland zugezogen und 628 000 Personen fortgezogen. Daraus ergibt sich ein Wanderungsüberschuss von 79 000 Personen. Dieser Überschuss hat sich gegenüber dem Vorjahr leicht verringert (- 4%), nachdem er von 2003 auf 2004 noch um 42% zurückgegangen war. Allerdings hat sich das Wanderungsgeschehen für die ausländische und für die deutsche Bevölkerung unterschiedlich entwickelt.

2005 sind 579 000 ausländische Personen nach Deutschland zugezogen, das sind 4% weniger als im Vorjahr. Damit wurde zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung 1990 die 600 000 Personen-Grenze unterschritten. Die Zahl der Fortzüge verringerte sich ebenfalls von 547 000 im Jahr 2004 auf 483 600 Personen im Jahr 2005 (- 12%). Insgesamt erhöhte sich der Ausländer-Wanderungsüberschuss von 55 000 Personen im Jahr 2004 auf 96 000 Personen im Jahr 2005.

Die Wanderungsbewegungen deutscher Personen können nur eingeschränkt mit dem Vorjahr verglichen werden, da die Zahl der Zu- und Fortzüge des Jahres 2004 auf Grund statistischer Bereinigungen überhöht ist. Deshalb wird hier eine längere Zeitreihe betrachtet. Gegenüber den Vorjahren hat sich 2005 der Zuzug von deutschen Personen nach Deutschland mit 128 000 deutlich verringert. Diese Zahl enthält die Zuzüge von Spätaussiedlern (ohne ausländische mitreisende Familienangehörige) und von anderen Deutschen, zum Beispiel von Rückkehrern. Ein wesentlicher Grund für den Rückgang der Zuzüge ist darin zu sehen, dass in den letzten Jahren immer weniger Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler nach Deutschland zugewandert sind. So wurden 2003 vom Bundesverwaltungsamt die Zuzüge von 62 000 Spätaussiedlern registriert, 2004 waren es 50 000 und 2005 nur noch 31 000. Wird die Gruppe der Spätaussiedler herausgerechnet, ergibt sich für die übrigen deutschen Personen für das Jahr 2005 ebenfalls ein leichter Rückgang gegenüber den Vorjahren.

2005 wurden 145 000 Fortzüge deutscher Personen registriert. Damit hat die Zahl der Fortzüge gegenüber den Vorjahren zugenommen (118 000 Fortzüge im Jahr 2002 und 127 000 im Jahr 2003); es ist die höchste registrierte Abwanderung von Deutschen seit 1950 (klammert man die statistisch überhöhten Zahlen für 2004 aus). Durch die zurückgehende Zahl von Zuzügen und die zunehmende Zahl von Fortzügen ergibt sich für 2005 erstmals seit Ende der 60er Jahre ein Wanderungsverlust von 17 000 deutschen Bürgerinnen und Bürgern.

Die Auswanderungszahlen lassen keine weiteren Aussagen zum Hintergrund der Fortzüge zu. So ist keine Differenzierung möglich, ob der Fortzug eine Auswanderung auf Dauer oder nur eine befristete Ausreise ist, zum Beispiel im Rahmen einer Tätigkeit für ein deutsches Unternehmen im Ausland. Auch kann bei diesen Personen nicht unterschieden werden, ob es sich um Spätaussiedler, Eingebürgerte oder Deutsche ohne Migrationshintergrund handelt.

Ins Ausland zieht es vor allem Deutsche aus dem früheren Bundesgebiet oder aus Berlin (134 000); dagegen zogen 2005 nur 10 000 Deutsche aus den neuen Ländern ins Ausland. Weitere Auskünfte gibt: Uwe Lohe, Telefon: (0611) 75-4185, E-Mail: uwe.lohe@destatis.de (wahl-und-forschung.de).